AllgemeinesBerufungGeschichten zum Träumen und erkennen

Der Adler

Samuel saß auf dem Felshang der hinunter in das Tal führte. Hinter ihm graste seine Schafherde und über ihm kreiste ein Adler.

»Irgendetwas muss er dort gesehen haben.«, überlegte er. »In dieser Gegend gibt es viel Beute für so einen erhabenen Vogel. Ach, wäre ich bloß auch ein Vogel, könnte ich durch die Lüfte fliegen. Ich könnte frei sein. Ich könnte fliegen wohin ich will.«

Aber er war kein Vogel, er war ein Schafhirte und zog von einer Weide zu nächsten, um seine Schafe zu sättigen und zu tränken.

»Sie sind wie meine Kinder«, dachte er bei sich. »Ohne mich würde sie womöglich verhungern, oder sie würden einem Wolf zu Beute fallen.«

Also stellte er seine Überlegungen ein und ging zu seiner Herde. Und doch wollte das Gefühl nicht weggehen, er wäre ein Vogel und kein Schafhirte.

Auch noch Wochen und Tage danach dachte er an den Adler, der über seinem Kopf seine Kreise zog. Und der Adler schien ihn zu rufen. Er rief ihn und forderte ihn auf zu fliegen.

Nacht für Nacht wachte Samuel in aller Frühe auf und sah in den Sternenhimmel über seinem Kopf.

Was wollte der Adler ihm wohl sagen?

Zum Frühling kam er immer an einem Dorf vorbei. Dort scherte er seine Schafe und verkaufte die Wolle. Mit dem verdienten Geld konnte er den ganzen Sommer leben.

Er ging an einer Schmiede vorbei, in der ein junger Mann, nicht älter als er selbst arbeitete.

»Was führt dich hierher?«, fragte ihn der junge Mann.

»Ich bring meine Schafe zum Scheren.«, antwortete Samuel. »Und wie gefällt dir deine Arbeit?«, wollte er im Gegenzug wissen.

»Ach tagein tagaus dieselbe Arbeit. Wenn ich Schäfer wär, hätte ich sicherlich mehr Vergnügen.«, überlegte der Schmied.

»Und warum bist du kein Schäfer?«, wollte Samuel wissen.

»Wenn ich Geld hätte würde ich mir eine Schafherde kaufen und um die Welt ziehen.«

Daraufhin nickte der junge Schafhirte nur und ging von dannen.

Er überlegte, dass er selbst vor nicht all so langer Zeit ein Vogel sein wollte.

Den ganzen Tag lang verließ ihn der Gedanke nicht, dass die meisten Menschen, die er auf seinen Reisen traf, immer jemand anders sein wollten. Doch warum waren sie es nicht?

War es wirklich so schwer sein Leben zu ändern?

Er kassierte seinen Lohn für die Schafswolle und zog weiter. Es würden noch so viele Dörfer und Schmiede seinen Weg kreuzen und er würde jeden einzelnen von ihnen fragen, was sie sein würden wenn sie könnten.

Und das tat er. Der Eine wollte Obstverkäufer werden, weil er alle Obstsorten auswendig kannte und die jungen Frauen lieber Äpfel mochten als Hufeisen. Aber schon sein Vater und seines Vaters Vater war ein Schmied und ihm blieb nichts anderes übrig als auch ein Schmied zu werden und was sollte er auch anderes tun, wenn er nur Schmiedekunst kenne?

Ein Anderer wollte Bäcker werden, weil er so gern Brot aß und dieser Duft war ihm der liebste auf der Welt und außerdem mochten die jungen Mädchen lieber Brötchen, als Hufeisen. Aber als er eine Stellung als Bäckerjunge suchte, fand er keine, aber er fand eine als Schmied und seitdem kann er ja nichts anderes als Schmiedekunst.

Immer mehr junge Schmiede befragte Samuel auf seinem Weg und immer wieder erzählte ihm jeder von ihnen, dass sie lieber jemand anderes wären. Aber auch hatte jeder von ihnen eine andere Ausrede. Der Eine hatte keine andere Wahl, weil sein Vater schon die Schmiede besessen hat. Ein Anderer hatte nicht genug Geld. Wieder ein Anderer hing doch noch zu sehr an dem Gewohnten. Und Einer gab sogar ganz offen zu, zu viel Angst zu haben Neues zu probieren.

Wochen und Monate vergingen und Samuel beobachtete seine Schafe. Sie wichten ihm nie von der Seite. Sie vertrauten ihm, dass er sich um sie sorgen würde. Doch warum konnte er sich nicht damit zufrieden geben? Er wollte nicht wie die vielen Schmiede auf seinem Weg sein und nur davon träumen, jemand anderes zu sein. Also beschloss er im nächsten Frühling zurück zu dem Dorf zu kehren und seine Schafe an den Hufschmied zu verkaufen, der gerne Schäfer werden wollte.

Bei dem Gedanken überkam ihn Angst. Was sollte er danach bloß machen ohne seine Schafe? Er wusste doch immer noch nicht wie man fliegt und wie man frei ist.

Wochen und Monate vergingen und Samuel beobachtet den Flug des Adlers. Bei dem Gedanken daran seine Schafe aufzugeben, kam ihm die Freiheit gar nicht mehr so erstrebenwert vor. Und doch träumte er jede Nacht davon mit den Adlern zu fliegen.

Der Frühling kam und wieder saß er auf dem Berghang und beobachtete den Flug des Adlers.

Seine Schafe grasten hinter ihm und bald würden sie die Wolle loswerden, die ihnen im Sommer lästig sein würde.

»Mit dem Verkauf der Wolle und der Herde hätte er genügend Geld neu anzufangen«, überlegte Samuel erneut.

Sosehr er sich anstrengte, wollte der Gedanke nicht verschwinden, dass noch mehr auf ihn im Leben wartete, als die Schafe zu begleiten.

So kam es, dass schon bei seinem Eintreten in das Dorf der Hufschmied auf ihn wartete.

»Er hätte genug Geld beisammen, um die gesamte Herde zu kaufen. Seit dem letzten Frühling verließ ihn der Gedanke nicht, die Schafherde zu kaufen und damit, um die Welt zu ziehen.«

Samuel stand wieder vor der Entscheidung, die ihn schon seit Wochen und Monaten nicht schlafen ließ und er entschied sich.

Er verkaufte die Herde und hatte jetzt genug Geld neu anzufangen. Nur wusste er immer noch nicht, wie man mit den Adlern flog.

Das Dorf, in dem er war, grenzte an einen Hafen. Samuel heuerte auf einem Schiff als Matrose an, aber auch das lehrte ihn nicht wie ein Adler zu fliegen. Eines Tages erzählte ihm ein Kaufmann, dass er an einer Stadt vorbeikam, in der die Leute mit Ballons am Himmel flogen.

»Ein Versuch ist es wert«, dachte Samuel und ließ sich den Weg in diese Stadt beschrieben.

Der Weg war lang und beschwerlich. Viele Gefahren lauerten unterwegs. Räuber und Gezeiten, doch Samuel ließ sich auch davon nicht abhalten zu der Stadt zu kommen, in der er wie ein Adler durch die Lüfte ziehen könnte. Als Schafhirte hatte er gelernt den Gefahren auszuweichen und er verstand auf einmal, dass sein Leben davor nur eine Vorbereitung war für sein wirkliches Leben. Der Gedanke daran lässt ihn immer weiter gehen und seine Mühe bleibt nicht ohne Lohn.

Diese Stadt gibt es wirklich und Samuel ist zum ersten Mal in seinem Leben überglücklich. Zum ersten Mal denkt er nicht daran, wie schön es wäre durch die Lüfte zu fliegen. Er tut es und will nie mehr etwas anderes tun.

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